Vom Rhein zur Themse
Andersen und Freiligrath in London

 

Über eine seiner  Begegnungen im Sommer 1847 mit F. Freiligrath in London schreibt Andersen in seinem Märchen meines Lebens:

Einige Häuser weiter wohnte Freiligrath, der deutsche Dichter, den ich einmal in St. Goar am Rhein besucht hatte. Damals sang er innige, anschauliche Lieder. Der König von Preußen hatte ihm eine jährliche Rente ausgesetzt. Er wies sie zurück, als Herwegh ihn als pensionierten Dichter verspottete. Er schrieb darauf Freiheits-lieder, ging in die Schweiz und von dort nach England, wo er seine Familie dadurch ernährte, daß er eine Stellung in einem Handelshaus annahm.

 F. Freiligrath

 Ich hatte ihn eines Tages im Gedränge von London getroffen, er erkannte mich, ich ihn aber nicht, denn er trug seinen dichten schwarzen Vollbart, mit dem ich ihn am Rhein gesehen hatte, nicht mehr. "Wollen Sie mich nicht kennen?" fragte er und lachte. "Ich bin Freiligrath!" Und als ich ihn aus dem Gedränge fort in einen Torweg gezogen hatte, sagte er im Scherz: "Sie wollen wohl in der Menge nicht mit einem Demagogen sprechen, Sie, der Freund von Königen." In der kleinen Stube war es freundlich, mein Bild hing an der Wand, der Maler Hartmann, der es damals auf Gravenstein gezeichnet hatte, trat just in diesem Augenblick in die Stube, wir unterhielten uns über den Rhein, über Poesie.

Im Kontrast dazu schildert Ferdinand Freiligath diese 1. Begegnung in London in seiner 2. Poetische Epistel von 1852:

Hans Christian Andersen – hier rag’ ein Stein
Für dich mein Däne! Stattlich und gesegnet
Warst du als Leu! Fünf Jahre mögen’ s sein,
Da bist du in Old Broadstreet mir begegnet;
Ich kannte dich am schlotternden Gebein
Von ferne schon – es hatte gerade geregnet,
Und war sehr glitschig. "Halt, Freund, grüß dich Gott!"
Rief ich dir zu; "und wann auf einen Pot

Vom besten Stout und eine Hammelkeule
Kommst du hinaus zu mir und meinen Frauen?"
Du standest sinnend eine kleine Weile
Und sahst mich an mit deinen ostseeblauen
Wäss’rigen Augen, zappelnd wie vor Eile.
Sodann: "Mein Herr - ? ein Deutscher wohl - ? Die Brauen
Zog ich zusammen, als ich mich dir nannte –
Dir, der mich einst an meinem Herde kannte!

(Zwar hatten mich seitdem der Götter Launen
Tüchtig geknufft – ich war geflohen aus Preußen –
Et Caetera!) – Du warst nun ganz Erstaunen
Und sprachst in Worten, die gesetzte heißen:
„Sie machten, Bester, vormals einen braunen
Eindruck auf mich, doch jetzt einen weißen!
Sie sind viel blasser als zu St. Goar
Und wissen nun, warum grob ich fast war!

Hinaus zu Ihnen – ? Ja, wenn nur die Zeit –
Hier ist mein Taschenbuch! O Gott, ich seh’ ,
Ich bin versagt auf  einen Monat! ...