Der "Märchenonkel" mit der langen Schere
Berlin (ddp)= Das muss ein skurriles Bild gewesen sein: Der große, schlaksige Mann schnippelte - wo immer er ging und stand - behände mit einer 38 Zentimeter langen Schere herum und fertigte perfekte Scherenschnitte an. Überhaupt war Hans Christian Andersen, der berühmte Märchendichter, ein Mann, der viele Talente besaß. Neben der Dichtkunst war es vor allem die Malerei, die es ihm angetan hatte. Das Ergebnis seiner bildenden künstlerischen Fertigkeiten ist ab Samstag in Berlin in der Ausstellung "Hans Christian Andersen - Collagen, Scherenschnitte, Zeichnungen" zu sehen. "Er hat es geliebt, auszuschneiden", sagt die Mitinitiatorin der Ausstellung, "Märchenland"-Direktorin Silke Fischer.

Mit der Berliner Ausstellung werden auch zugleich die bundesweiten Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des Dichters offiziell eröffnet, denn das weltweite Gedenkjahr für Andersen (1805-1875) wird auch in Deutschland mit vielfältigen Veranstaltungen begangen. Am Samstag geben die dänische Prinzessin Benedikte und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mit der Ausstellung in den Nordischen Botschaften den Startschuss zum Andersen-Jahr.

Mittelpunkt der Ausstellung ist die originalgetreue Kopie von Andersens größtem Wandschirm, der durch das Museum Odense extra für diese Ausstellung angefertigt wurde. Diesen Wandschirm hatte sich Andersen als "Reise um die Welt" aus Collagen selbst zusammengebaut. Da sind der Orient ebenso im Bild vertreten wie Afrika und verschiedene Länder in Europa mit den damals führenden geistigen Köpfen.

Daneben sind zahlreiche Scherenschnitte Andersens ausgestellt und auch seine Zeichnungen sind zu sehen, die er auf seinen vielen Reisen durch ganz Europa anfertigte. Heute existieren noch ungefähr 800 Scherenschnitte von ihm, die hauptsächlich aus den letzten 20 Jahren seines Lebens stammen. Mit der Schere fabrizierte der Dichter auch Spielzeug für die Kinderzimmer: Ankleidepuppen, Figuren, die sich bewegen können und so genannte Mühlenmänner, die man aufstellen oder dekorativ ins Fenster hängen konnte.

Andersens alte Liebe zum Theater spiegelt sich in den "geschnippelten" Szenen mit Tänzern und Ballerinas, mit Vorhängen, Kulissen und Orchestergraben wider. Zu seinen Motiven gehörten aber auch Schwäne, Tänzer, Schmetterlinge, Pierrots, Kobolde, Tänzer und vieles mehr.

Auf seinen zahlreichen Reisen führte Andersen immer einen auf die Größe seiner Jackentasche zugeschnittenen Zeichenblock mit sich, erzählt Fischer. "Ebenso stark wie sein Drang zum Reisen war auch Andersens Drang zum Zeichnen, Schneiden und Kleben." Er zeichnete mit Bleistift die Szenen, die sein Interesse weckten. Wenn er wieder im Hotel war, zog er die Skizzen mit Feder und Tinte nach. Etwa 300 dieser Zeichnungen, vorwiegend von seinen zwei großen Bildungsreisen nach Italien, sind heute noch erhalten. Bemerkenswert in der Ausstellung sind auch großformatige Bücher des Lebenskünstlers, die er wie Poesiealben aus Bildern und kleinen Texten zusammenstellte und später verschenkte. Die Ausstellung bleibt bis zum 23. Mai in Berlin und geht anschließend auf Wanderschaft durch mehrere deutsche Städte.
Samstag, 02. April 2005 (07:08)